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-- ) Im Einklang mit der Natur ( --
Wenn mir jemand vor wenigen Jahren erzählt hätte, ich würde als Löwe in einem kleinen Dorf mitten unter Menschen leben und sogar mit ihnen sprechen, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Doch ich habe einen ungewöhnlichen Weg gewählt, und dies ist meine Geschichte.
Es begann alles in einer großen Stadt, wie sie in der heutigen Zeit auf dem afrikanischen Kontinent immer häufiger werden. In dieser Stadt wurde ich als gewöhnlicher Mensch geboren. Ich wuchs inmitten der Betonbauten und dem hektischen Leben einer Metropole auf, die sehr stark von Kriminalität und Armut geprägt war. Doch kurz vor meinem fünfzehnten Geburtstag kam der Tag, der mein Leben verändern sollte. Als ein Mann von der Polizei am Abend an unserer Wohnungstüre klingelte, ahnte ich schon, dass er keine guten Nachrichten für mich hatte. Und ich sollte recht behalten, denn der Mann fuhr mich zum städtischen Krankenhaus.
Meine Eltern waren überfallen und ausgeraubt worden. Mein Vater, ein kräftiger und auch im Charakter starker Mann, wollte sich gegen den Räuber wehren und wurde mit mehreren Schüssen getötet. Dabei war auch meine Mutter schwer verletzt worden, die Ärzte sahen kaum eine Chance, sie zu retten. Das jedoch erfuhr ich erst später, von einem Freund meines Vaters, den ich im Krankenhaus kennenlernte. Sein Name war Okhuna.
Als meine Mutter am nächsten Tag gestorben war, bot mir Okhuna in seiner Wohnung in einer benachbarten Stadt ein neues Zuhause. Dieses Angebot nahm ich in meiner Hilflosigkeit dankbar an. Obwohl ich den Mann kaum kannte. Ich hatte einen schrecklichen Verlust erlitten, und auch Okhuna musste dieser Schicksalsschlag sichtlich getroffen haben. So schritten wir gemeinsam durch diese schwere Zeit und wuchsen richtig zusammen. Doch während er schon nach wenigen Monaten den seelischen Schmerz überwunden zu haben schien, so war ich viel zu sehr verletzt, um ein gewöhnliches Leben führen zu können. Ich war tief in mich gekehrt und machte mir Gedanken über die Umstände des Todes meiner Eltern. Und über die Menschen, durch deren Hand sie gestorben waren.
Okhuna gab mir alle Zeit, die ich benötigte. Er versuchte, mir zu helfen so gut er konnte.
Eines Tages kaufte er mir ein Buch über mein Lieblingstier, den Löwen. Ich begann es sofort zu lesen. Dabei wusste ich nicht einmal, weshalb mich gerade dieses Tier so interessierte. Noch niemals hatte ich einen Löwen gesehen. Ich kannte ihn eigentlich nur aus den Bildern im Fernsehen und aus Büchern. Vielleicht war es die grenzenlose Freiheit der Wildnis und dass sich der Löwe vor niemandem zu fürchten brauchte. Er war der Herrscher im Tierreich und kein Gefangener inmitten der Menschen, so wie ich.
Je mehr ich mir über die Menschen Gedanken machte, umso stärker begann sich mein Interesse für die Tiere und die Natur zu entwickeln. All die Lebewesen verstanden es, in einem wundervollen Einklang zu leben. Sie sorgten für ein immer währendes Gleichgewicht in der Natur. Die Menschen dagegen waren brutal im Umgang mit dem Leben anderer. Am schlimmsten waren ihre Kriege. Dann schien alles erlaubt zu sein. Es passierten die grausamsten Verbrechen anderen Lebewesen gegenüber, die man sich vorstellen konnte. Und wieso gab es überhaupt noch Kriege in der heutigen Zeit? Wieso hatten sich die Menschen in Tausenden von Jahren nicht geändert?
Für mich sah es so aus, als wenn ihnen all ihre Technik und ihre Entwicklungen in Wahrheit keinen Fortschritt gebracht hatten. Das aber mochten sie nur allzu gerne glauben, da es eine scheinbare Verbesserung für sie bedeutete. Es lebte sich einfacher mit all den Maschinen. Doch es täuschte, denn selbst die modernste Technik kann niemals die Natur und ihre positive Wirkung auf den menschlichen Körper ersetzen. Dabei konnte das Leben unglaublich erfüllend sein. Doch es gab Elend auf der einen und Überfluss auf der anderen Seite. Vielen Menschen war es egal, was nach ihnen kam. Sie glaubten an ein Leben nach dem Tod und dass es dort besser sei. Aber sie könnten das Paradies bereits hier auf der Erde haben. Doch dazu müsste jeder seinen Teil beitragen.
Oder wollten wir Menschen das Paradies tief in unserem Innersten eigentlich gar nicht? Spürte unser Unterbewusstsein, dass das Leben im Paradies schädlich für unser Befinden war? Denn das Paradies war im Grunde dasselbe Extrem wie ständiger Terror und Hölle. Niemals konnte es gut sein, alles zu bekommen, was man wollte. Wenn einem nichts geschehen konnte. Das war zwar anfangs angenehm, auf Dauer sicherlich nicht.
Auch wenn ich niemandem solch einen Schicksalsschlag wünschte, wie ich ihn erleben musste, so bestand für mich das Ideal in einer ausgewogenen Mischung aus Höhen und Tiefen. Doch davon sind wir Menschen noch weit entfernt. Denn die dunkle Seite der Kriege und der Gewalt ist viel zu stark entwickelt.
Gedankenverloren saß ich in der kleinen Wohnung. Umringt von Büchern, die ich alle gelesen hatte. Musste dieser Planet erst in Zerstörung enden, bevor er wie Phoenix aus der Asche wieder auferstehen konnte? Gehörte es zu einem immer währenden Kreislauf, dass die Natur durch ihre ständige Weiterentwicklung schließlich von ihren eigenen Lebewesen vernichtet wurde und alles von neuem begann?
Ich wusste keine Antwort. Ich konnte mich nur fragen, wieso die Menschen sich das Recht nahmen, ihr Leben so egoistisch und rücksichtslos zu gestalten. Weshalb bedienten sie sich gnadenlos der Ressourcen dieser Erde und nahmen deren Zerstörung in Kauf?
Der Mensch kann im Grunde unglaubliches leisten. Es gibt einige große Wunder auf dieser Welt, die das beweisen. Und ich denke nicht an die Sieben Weltwunder. Ich denke an die kleinen, unscheinbaren tagtäglichen Wunder, die meistens kaum beachtet werden. Dazu gehört die gegenseitige Hilfsbereitschaft unter den Menschen. Sie schafft einen angenehmen Rückhalt und eine weltweite Gemeinschaft, wie sie in dieser Weise unter allen Lebewesen einmalig ist. Und auch zu größeren ´Wundern` ist der Mensch imstande. So kennt man heute eine Vielzahl physikalischer und chemischer Gesetze. Wir wissen viel über die Entstehung von Planeten, die so unendlich weit von uns entfernt sind. Und eines Tages werden wir sie sogar besuchen können.
Es ist wirklich faszinierend, wie intelligent der Mensch ist. Aber es sind nur wenige, die diesen Weg gegangen sind. Die meisten anderen wollten nur ihr Leben in vollen Zügen genießen und sich den Ressourcen der Natur bedienen. Ohne etwas zurückzugeben.
So vergingen die Monate und die Jahre. Ich wurde schließlich 19 Jahre alt. Meine Eltern hatte ich nicht vergessen, doch ihr Tod lag nun hinter mir. Viele Erkenntnisse hatte ich gewonnen. Und so begann ich zum ersten mal seit langer Zeit in der Stadt umher zuwandern. Dabei kam ich auch an dem Krankenhaus vorbei, in dem meine Eltern gestorben waren. Ich blieb gedankenverloren davor stehen. Die Erinnerungen an den schrecklichen Tag wurden wieder wach. Ich betrat das Gebäude. Obwohl ich wusste, dass ich meine Eltern hier nicht finden würde. So stand ich schließlich in der großen Eingangshalle und blickte ziellos umher. Bis ich auf einmal ein Plakat entdeckte, auf dem ein Löwe abgebildet war. Das machte mich neugierig, ich wandte mich dorthin. Darauf war von einem Forschungsprojekt im Tierschutzbereich zu lesen und dass man noch Teilnehmer suchte. Das interessierte mich. Ich notierte mir den genannten Termin, an dem das Projekt vorgestellt wurde. Dann ging ich zurück zu Okhuna. Ich erzählte ihm voller Begeisterung von dem Projekt. Er fragte mich, um was es sich dabei handelte. Ich wusste es nicht genau. Also sagte ich ihm, was ich auf dem Plakat gelesen hatte.
An Okhunas Blick war sofort zu erkennen, dass er nicht so begeistert war wie ich. Tatsächlich versuchte er, mir mein Vorhaben auszureden. Er sagte mir, dass ich nicht alles glauben solle, was auf Plakaten stünde. Und dass sich das Ganze ziemlich abenteuerlich anhören würde.
Ich ignorierte seine Worte und ging wenige Wochen später zu dem Krankenhaus, um mir den Vortrag des Professors anzuhören, der das Projekt leitete. Okhuna kam nicht mit. Er musste arbeiten.
So betrat ich das Krankenhaus ohne ihn und folgte dem Hinweisschild am Eingang zu einem großen Raum. Dort saßen mehrere Ärzte. Es waren Stühle für die Bewerber aufgestellt worden. Ich fand leicht einen Platz. Außer mir gab es nur acht Menschen, die Interesse an diesem Projekt zeigten. Mir wurde ein wenig mulmig und ich fragte mich: Sollte Okhuna mit seinem Misstrauen tatsächlich recht haben?
Es dauerte nicht lange, bis uns der Professor begrüßte und von den Einzelheiten des Projektes erzählte. So erfuhr ich, dass man in anderen Städten ebenfalls schon nach Bewerbern gesucht hatte und unsere Stadt die letzte sei. Damit gab es bisher immerhin elf Menschen, die teilnehmen wollten.
Schließlich erklärte uns der Professor die genaue Durchführung des Projektes. Ich fand das sehr interessant. Es war in der Grundidee eigentlich ganz einfach. Man wollte ein Wesen mit der Intelligenz eines Menschen und dem Körper eines Tieres schaffen. Dazu musste man das Gehirn eines Menschen in den Tierkörper verpflanzen. Im Grunde eine gewöhnliche Transplantation. Man würde nach erfolgreicher Operation alle Sinne des Tieres nutzen können. Diese sind, wie bekannt, deutlich feiner ausgeprägt als die des Menschen.
Natürlich konnten nur Säugetiere als Körper dienen, wie auch der Mensch eines ist. Die Körper mussten eine entsprechende Größe aufweisen. Zudem sollten diese Tiere möglichst weit oben in der Nahrungskette stehen, damit sie nicht zur Beute anderer Tiere würden. Somit kam nur der Löwe in Frage. Man konnte die Intelligenz, das Wissen und das Bewusstsein von sich selbst in diesen neuen Körper mitnehmen. So war es möglich, die Welt dieser Tiere auf eine völlig neue Art zu entdecken und zu erforschen. Man wollte Kontakt zu ihnen aufnehmen, mit ihnen kommunizieren. Aber auch interagieren, so dass man schließlich ein tiefgründigeres Wissen über sie zusammentragen konnte, als es bisher möglich war. Es würde eine umfangreiche Studie über die Ergebnisse geben, die man über die Medien für Millionen Menschen verbreiten wollte. Somit hoffte man für die Welt der Tiere endlich auf mehr Verständnis. Denn nur zu oft wurden sie verkannt und als willenlose Wesen dargestellt, die instinktiv vor sich hin lebten. Diesem Irrglauben hatten es die Tiere zu verdanken, dass sie als niedere Geschöpfe klassifiziert und entsprechend behandelt wurden.
Ich konnte es kaum glauben. Dieses Projekt erschien mir die Herausforderung zu sein, der ich mich seit langem stellen wollte. Ich begann den Fragebogen auszufüllen, der als Voraussetzung für die Aufnahme an dem Projekt galt. Nur so konnte der Professor mehr über die Interessenten und ihre Persönlichkeit erfahren, um den richtigen Kandidaten für das Projekt auszuwählen. Zudem nahm man mir Blut ab, um die körperliche Tauglichkeit zu prüfen.
Ich beantwortete also zuerst einmal die Fragen und schrieb auch meine Beweggründe zur Teilnahme an diesem Projekt auf. Als ich den Bogen bei einem der Ärzte abgab, bemerkte ich, dass neben mir nur ein einziger Teilnehmer einen Bogen ausfüllte. Das machte mich irgendwie traurig. Es zeigte, dass nur sehr wenige Menschen zu diesem gewaltigen Schritt für die Natur bereit waren. Doch andererseits verbesserte es meine Chancen, für das Projekt ausgewählt zu werden.
So verließ ich mit gemischten Gefühlen das Krankenhaus und begab mich zurück in die Wohnung von Okhuna. Er war noch nicht zuhause. Ich wartete ungeduldig auf ihn, um ihm alles zu erzählen.
Als er am Nachmittag kam, fragte er mich sogleich nach dem Projekt. Ich sagte ihm, dass ich mich dafür eingetragen hatte. Er wurde kreidebleich. Mit zittriger Stimme versuchte er mich zu überreden, meine Entscheidung gründlich zu überdenken. Wenn ich mich diesem Projekt tatsächlich anschließen würde, könnte ich niemals wieder in mein altes Leben zurückkehren. Ich müsste tun, was man von mir verlangte und jeden Kontakt zu meinen Mitmenschen abbrechen. Und das, obwohl der Erfolg dieses Forschungsprojektes ganz und gar ungewiss sei.
Doch dazu war ich bereit. Und genau das gab ich Okhuna zu verstehen. Ich hatte ihm nur sehr wenig von meinen Gedanken erzählt. So kam ihm meine Entscheidung sicherlich sehr wagemutig vor. Also versuchte ich es ihm zu erklären. Und obwohl er immer noch nicht ganz überzeugt war, gab er schließlich nach. So wartete ich ungeduldig auf eine Antwort des Professors. Es dauerte zwei Wochen, bis der lang ersehnte Brief kam. Ich öffnete ihn mit zittrigen Händen. Dann las ich von einer Einladung. Für ein letztes Gespräch. Denn man hatte mich für das Projekt ausgewählt. In diesem Augenblick stand ich vor Aufregung starr und mein Herz begann zu rasen: Sie hatten sich tatsächlich für mich entschieden! Ich konnte es kaum glauben!
Als Okhuna das las, wurde er kreidebleich. Er hatte sicherlich bis zuletzt gehofft, dass jemand anderes für dieses Projekt gewählt werden würde. Jetzt sah er mich als verloren an. Und ich konnte ihn nicht aufmuntern. Ich wusste selbst nicht, ob das Projekt ein Erfolg werden würde.
Ich hatte nach dem erfolgreichen Gespräch mit dem Professor nun 6 Monate Zeit, um mich von der menschlichen Gesellschaft zu lösen und damit für das Projekt vollkommen frei zu sein. Das fiel mir nicht schwer. Ich konnte mir nichts schöneres vorstellen, als für den Rest meines Lebens ein Löwe zu sein und durch die Weite der Savanne zu streifen. Dabei vergaß ich vor lauter Träumerei fast den eigentlichen Grund des Projektes.
Schließlich kam der große Tag. Okhuna fuhr mich zögernd zu dem Krankenhaus und begleitete mich schweren Herzens zum Haupteingang. Dort umarmten wir uns zum allerletzten Mal. In Okhunas Augen war der Schmerz des Abschiedes deutlich zu lesen. Ich hatte selbst eine kleine Träne im Auge. Doch es sollte kein Abschied für immer sein. In meinem Herzen würde er stets bei mir bleiben. Und sicherlich ergab sich eines Tages eine Möglichkeit für ihn, mich zu besuchen.
Wir lösten unsere Umarmung und ich sagte: „Es wird alles gut. Du wirst schon sehen.“
Er versuchte ein Lächeln hervorzuzaubern. Es wollte ihm aber nicht so richtig gelingen. Er war von dem seltsamen Projekt nicht überzeugt. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mir mit unterdrückter Stimme viel Glück zu wünschen. Zu mehr Worten war er nicht imstande Er drehte er sich herum und verschwand in den Menschenmassen der Stadt.
Ich wandte mich zu der großen Eingangstüre des Krankenhauses. In wenigen Augenblicken sollte mein neues Leben beginnen. Ein Leben, das so hoffnungsvoll war und gleichzeitig so ungewiss. Zitternd vor Aufregung betrat ich die große Empfangshalle und wurde sogleich von Professor Landstein begrüßt, der den Vortrag gehalten hatte. Er führte mich an der Rückseite des Gebäudes zu einem großen Parkplatz. Dort stand ein Geländewagen, in den er mich hineinbat. Ich erinnerte mich, dass er von einem Projektgelände weit draußen vor der Stadt erzählt hatte. Dort sollte ich nun hingebracht werden.
So stieg ich erwartungsvoll in das Fahrzeug, und wir fuhren los. Der Weg führte uns nach Südosten. Wir erreichten schließlich nach etwa einer Stunde einen kleinen Ort inmitten der trockenen Landschaft. Von dort fuhren wir etwa fünf Kilometer nach Süden und erreichten schließlich ein großes Gelände, das von einer mehreren Meter hohen Mauer umgeben war. Es war mein neues Zuhause.
Wir fuhren durch ein gewaltiges Tor mit metallenem Gitter in den Innenhof. Dort sah ich eine Vielzahl von Leuten, die uns freudige Blicke zuwarfen. Sie alle waren auf das große Ereignis vorbereitet und kamen auf uns zu, als wir im Innenhof anhielten. Wir stiegen aus und wurden sogleich von dem gesamten Team des Projektes begrüßt. Die Leute waren sehr freundlich und gut gelaunt. Für sie war es sicherlich eine neue und ebenso aufregende Erfahrung wie für mich.
Der Professor führte mich herum und zeigte mir alles. Die Gebäude links vom großen Eingangstor beinhalteten hauptsächlich die Wohnungen der vielen Leute. Auch der Operationssaal war hier zu finden. Der Professor erklärte mir die vielen Apparate, die man für die Operation benötigte und zeigte mir auch ein Gerät mit einem metallenen Arm, an dem ein rundes, silbern glänzendes Kästchen befestigt war. Es handelte sich um einen sensorgesteuerten Laser, mit dessen Hilfe man die vielen tausend Nervenbahnen des Löwenkörpers mikrometergenau mit meinem Gehirn verschweißen konnte. Das Gerät war eine Erfindung des Professors. Man merkte ihm an, dass er sehr stolz darauf war. Die Operation wäre ohne diesen Laser nicht möglich. Sie würde viel länger dauern, als der Körper eine Narkose aushalten könnte. Da der Laser jedoch sehr schnell war, brauchte man insgesamt nur rund 30 Stunden.
Beeindruckt von der wirklich guten Ausstattung verließen wir den Raum. Der Professor zeigte mir noch das restliche Gelände. Dann gab es Abendessen.
Der Tag war sehr schnell vergegangen. Kein Wunder, bei all den neuen Eindrücken, die auf mich einwirkten. Alle Ärzte und Helfer waren in dem großen Speisesaal im Hauptgebäude versammelt. Es waren ungefähr dreißig Leute. Ich grübelte, ob ich später als Löwe immer noch in diesem Saal essen durfte. Immerhin war ich dann eigentlich noch ein Mensch, oder etwa nicht? Es war interessant, darüber nachzudenken.
Wir unterhielten uns alle wild durcheinander, es wurde viel gelacht. Kurz nach Mitternacht verließen wir schließlich den Speisesaal. Der Professor zeigte mir das Zimmer, in dem ich die letzte Nacht in meinem menschlichen Körper verbringen sollte. Es war sehr schlicht eingerichtet, doch das reichte völlig. Ich war sehr müde und ich legte mich völlig erschöpft in das gemütliche Bett.
Aber an Schlafen war nicht zu denken. Ich war so aufgeregt, dass ich noch lange wach blieb. Draußen schien der Mond. Es war kein Geräusch weit und breit zu hören. Alle anderen schliefen sicherlich schon. Nur ich, ich konnte einfach nicht.
Auf einmal war es mir, als hörte ich ganz in der Nähe das Gebrüll eines Löwen. Schickte der mir von dort draußen aus der Savanne einen Gruß? Ich wusste es nicht. Doch bei diesem Gedanken beruhigte ich mich schließlich und schlief endlich ein.
Am nächsten Morgen klopfte es an meine Zimmertüre. Ein Mann in weißem Kittel kam zu mir herein. Es war Professor Landstein, der mein wichtigster Ansprechpartner in diesem Projekt war. Er wünschte mir einen guten Morgen, obwohl es schon fast Mittag war und die Sonne hoch am Himmel stand. Ich konnte kaum glauben, dass ich so lange geschlafen hatte und zog mich eilig an. Dann trat ich auf den Flur, wo der Professor auf mich wartete. Wir gingen gemeinsam zum Frühstück.
Als ich mich nach dessen Beendigung zufrieden zurücklehnte, wollte der Professor wissen, was ich alles über Löwen wüsste. Ich erzählte ihm, was ich gelernt hatte. Es freute den Professor, dass ich nicht unerfahren war und er fragte mich, ob ich schon einmal einen echten Löwen gesehen hätte. Ich verneinte. Er erhob sich von dem Frühstückstisch. und bat mich, da er das bereits vermutet hatte, ihm zu folgen. Wir gingen zu dem Gebäude im südlichen Teil des Geländes gegenüber dem Haupttor. Es war mir gar nicht aufgefallen, dass wir es bei der gestrigen Besichtigung nicht betreten hatten.
Ich sah mich drinnen um. Wir befanden uns in einem großen Raum, der mit einem ums Eck laufenden Metallgitter in zwei Räume geteilt wurde. Der zweite Raum war etwas kleiner und sein Boden mit Stroh ausgelegt. Dort befanden sich ein Liegebrett und ein Behälter mit Wasser. Doch das war nicht alles. Ganz vorne an der Metalltüre sah ich einen Löwen, der gerade schlief.
Ich war überwältigt von diesem Anblick, obwohl ich bereits unzählige Löwen im Fernsehen gesehen hatte. Doch das alles war kein Vergleich zu dem echten Tier, das hier vor mir lag. Ich betrachtete das wuschige Haar seiner dunkel gefärbten Mähne. Und seinen Kopf, der sanft auf den Vorderpfoten lag, wie auf einem Kissen. Trotz des massigen Körpers verspürte ich keine Angst vor dem Tier. Ich hätte ihn zu gerne einmal gestreichelt. Doch wir konnten nicht näher heran. Er war gerade aufgewacht und ließ ein tiefes Knurren hören. Das war eine Warnung, mit der er uns sagen wollte: Bis hierher und nicht weiter.
Der Professor wandte sich zu mir und erzählte, dass dieser Löwe vor etwa fünf Monaten verletzt von zwei Forschern entdeckt wurde. Das arme Tier hatte eine Schusswunde an seiner linken Flanke, die vermutlich von einem Wilderer stammte. Der hatte es offensichtlich nicht richtig erwischt und dann von ihm abgelassen. Mit dieser Verletzung hatte sich der Löwe längere Zeit herumgeschleppt. Er war sehr geschwächt und wäre vermutlich gestorben. Doch die Forscher ließen ihn betäuben und sie organisierten seinen Transport in einen Zoo, in dem er ärztlich versorgt wurde und sich erholen konnte. Er sollte nach seiner Genesung wieder in die Freiheit entlassen werden. Doch er verhielt sich aufgrund seiner schlimmen Erfahrungen dem Menschen gegenüber äußerst aggressiv, weshalb man von diesem Gedanken abließ. So suchte man nach einer geeigneten Unterbringung für das Tier. Schließlich erfuhren die Leute hier im Projekt davon. Im Zoo war man über dieses Interesse sehr erfreut, denn sie hätten das Tier ansonsten einschläfern müssen.
Der Professor hielt in seiner Erzählung inne, denn er sah mein erschrockenes Gesicht. Ich hatte mittlerweile viel Schreckliches über die Menschen erfahren müssen. Doch der Gedanke, ein Tier sinnlos zu verletzen und es dann auch noch jämmerlich Zugrundegehen zu lassen, ließ mein Herz innerlich verkrampfen.
Der Professor ahnte meine Gedanken und sagte: „Der Löwe ist jetzt seit einem Monat bei uns. Wir tun alles, um ihm ein würdevolles und qualfreies Leben zu ermöglichen. Doch er wird seine schlimmen Erfahrungen mit den Menschen niemals verarbeiten. Daher können wir nicht an ihn heran. Doch du , Yharok, wirst ihm schon bald viel näher sein, als du dir jemals vorstellen kannst.“
Dann verließen wir das Gebäude wieder. Nachdenklich ging ich neben ihm her. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass bei dieser Operation ein Lebewesen sterben musste. Der Löwe und ich konnten nicht gemeinsam in einem Körper leben. Er war hier, weil er als Hülle für mich dienen sollte.
Ich konnte diesen Gedanken nicht fortwischen und redete mit dem Professor darüber. Er beruhigte mich und sagte, dass der Zoo den Löwen nicht behalten konnte und weitergegeben hätte. Das Tier wäre wahrscheinlich irgendwelchen Schwarzhändlern in die Hände gefallen, die sein Fell verkauft hätten. Somit konnten wir diesem Tier das Leben retten und es nun für einen guten Zweck einsetzen. Und wenn alles erfolgreich verliefe, konnten wir mit dem Projekt unzähligen anderen Löwen helfen.
Damit hatte der Professor recht. Ich beruhigte mich wieder. Wir wanderten noch ein wenig im Gelände umher, bis es schließlich Nachmittag wurde und somit Zeit für die Operation. Daher begaben wir uns in den Operationssaal, in dem bereits mehrere Ärzte auf uns warteten. Alle Geräte und Bestecke waren fein säuberlich vorbereitet und wir wurden freudig begrüßt.
Der Professor überzeugte sich davon, dass alle Geräte einwandfrei funktionierten. Dann wandte er sich zu mir und fragte: „Es ist alles für die Operation vorbereitet. Bist du nun bereit für den großen Schritt vom Menschen zum Löwen?“
Das war ich. Ich bejahte. Doch ein wenig mulmig war mir bei dem Anblick all der Technik in diesem Raum schon. Wenn nur eines dieser Gerät hier versagte, dann konnte die gesamte Operation misslingen. Doch ich versuchte, diesen Gedanken zu verdrängen und legte mich mit klopfendem Herzen auf den metallenen Tisch in der Mitte des Saales. Der Professor sprach noch ein paar beruhigende Worte, während mir einer der Ärzte die Narkose verabreichte. Deren Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Ich fiel nach kurzer Zeit in einen seltsamen Schlaf. Dabei hörte ich leise und undeutlich noch die Stimmen der Ärzte, so als befänden sie sich hinter einer Tür. Ich konnte auch das grelle Deckenlicht des Operationssaales ganz schwach durch meine geschlossenen Augenlider sehen. Doch irgendwann wurde alles völlig dunkel und ich hörte, sah und fühlte nichts mehr.
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